Heather Sheehan

A weighing/ Eine Wägung

12.10.–17.11.2019
Kuratiert von Ewa Knitter und Pathmini Neuner-Ukwattage

 

Eröffnung am 12. Oktober 2019, 18 Uhr
mit einer Performance der Künstlerin

Finissage mit Künstlergespräch am Sonntag, den 17.11. um 12 Uhr

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“Evoked by places and my performative actions, stories of simple women, working, serving over many centuries of time enter my consciousness.“ In diesen Worten der US-amerikanische Künstlerin Heather Sheehan offenbart sich eine Durchlässigkeit und schicksalhafte Affinität für das Ungesehene, Übersehene, nicht Zähl- und Erzählbare, für die nichtniedergeschriebene Wirrnis menschlichen Lebens und seine Grenzen ins Monströse, Geisterhafte. Sheehan ist zugleich das Monster unter dem Bett und das sich fürchtende Kind. Ihre Aufmerksamkeit für jenen an Gebäuden, Zimmern, Orten, Landschaften, haftengebliebenen Rest an Welt ist charakteristisch für die künstlerische Praxis der seit über 20 Jahren in Köln lebenden Künstlerin, die in den letzten Jahren ein bemerkenswert vielschichtiges Werk geschaffen hat. Ausgehend von der körperlich-materiellen Bedingtheit der menschlichen Erfahrung bearbeitet sie das soziale, geschichtliche und materielle Gefüge unserer Wirklichkeiten, um es in alternative, dem zeithistorischen Kontext enthobene Erzählungen einzuspeisen. Die Arbeit mit unterschiedlichen Gattungen und Medien wie Fotografie, Zeichnung, Plastik, Text, Duft, Beschaffenheit, Video und Performance erscheint dabei konsequent, spiegelt sie doch die Vielgestaltigkeit unserer Wahrnehmung wieder und verweist zugleich auf die Unzulänglichkeit der Materialisierungen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Werkkomplex, an dem die US-amerikanische Künstlerin seit über sechs Jahren arbeitete und der mit ihrer neuesten filmischen Arbeit burlap poem video nun zum Abschluss kommt. Ähnlich einer Klammer umfasst die Videoarbeit die über die letzten Jahre hinweg entstandenen Werke: Die Filmbilder des Videos werden von einem von der Künstlerin selbst gesprochenen lyrischen Text begleitet, den sie zu Beginn dieser Werkphase verfasste und der damit dem Video vorausgeht. Der Text wiederum ist Evokation einer anfänglichen sinnlichen Konfrontation der Künstlerin mit der Stofflichkeit des Sackleinens und dessen Spezifika wie Rauheit, Geruch bei Nässe, etc. die erneut das filmische Material durchwirken. Burlap poem video wird nun erstmalig in der Galerie Susanne Neuerburg zu sehen und zu hören sein.

Von Fotografie, über Zeichnung bis hin zu plastischen Arbeiten präsentiert die Ausstellung weiterhin eine Auswahl an Werken aus der burlap-Werkgruppe, die eine ganz spezifische materielle Geschichtlichkeit aufweisen und abbilden. Mit der Verwendung von Materialien wie Jute, Leinen, aus Naturfasern geflochtenen Seilen, Zinkwannen, Knochen, Holz und Stein erarbeitete die Künstlerin eine Materialikonographie, die auf die kulturhistorischen Randgebiete einer Alltagspraxis verweisen und ein Terrain jenseits von geschichtlichen Begrifflichkeiten besetzen. Gleichzeitig jedoch ruft Sheehans bisweilen archaische Materialität den geschichtlichen Kontext der Vorkriegsjahre und damit die Ideologisierung traditioneller Naturmaterialien im Nationalsozialismus auf. Diese semantische Doppelbödigkeit einer namenlosen, bewusst weiblich verwaisten Geschichte einerseits, die durch Sheehans performative, textuelle und bildliche Inszenierungen heraufbeschworen wird und eines konkreten Kapitels deutscher Geschichte andererseits erzeugt jene Unheimlichkeit und ein bisweilen spürbares Moment der Gewalt, die ihren Arbeiten anhaften.

Der Titel der Aussstellung a weighing / eine Wägung in der Galerie Susanne Neuerburg kann als Ausgangspunkt eines Versuchs der Künstlerin verstanden werden, den spezifisch-geschichtlichen Ort der Ausstellung mit dem eigenen künstlerischen und gedanklichen Verfahren zu verknüpfen: Die Räume der Galerie befinden sich auf dem Gelände der einstigen Hennefer Chronos-Werke, eine Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Maschinenfabrik, auf welche die Erfindung und nachfolgende industrialisierte Fabrikation der automatischen Waage zurückgeht. Dem Verdienst die „Wiege der Waage“ zu sein, muss das dunkle Kapitel der NS-Zwangsarbeit in deutschen Unternehmen während des Zweiten Weltkrieges als „Gegengewicht“ gegenüber gestellt werden: Auch die Hennefer Chronos-Werke beschäftigten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter. Dieser geschichtlichen Struktur des Ortes versucht sich Heather Sheehan mit dem lexikalischen Repertoire des Wortes wägen /weighing anzunähern, um aus der Bedingung des Ortes „Profit zu schlagen“: das (Ab)Wiegen, Abwägen, Aufwiegen impliziert eine Bewegung, die mental oder physisch, durch ihre potentielle Unabschließbarkeit charakterisiert ist. Dem Vor- und Zurück des Pendels, des Körpers beim Wiegen eines Babys, des Gedankens, der hin und her gedreht und gewendet wird, ist die unendliche Wiederholung bereits inhärent, ausgehend von der Vorstellung, dass der Prozess des Wiegens selbst immer nur die ungefähre Annäherung ans Ideal darstellt, die stets von Neuem in Bewegung gesetzt werden muss.

Heather Sheehan wurde 1961 in Mt. Vernon, New York, USA geboren. Sie lebt und arbeitet in Köln.

Kuratiert wird die Ausstellung von Ewa Knitter und Pathmini Neuner-Ukwattage.

“Evoked by places and my performative actions, stories of simple women, working, serving over many centuries of time enter my consciousness.” In these words from the US American artist Heather Sheehan, a permeability and fateful affinity for the unseen, the overlooked, the incalculable and untellable, for the unwritten confusion of human life and its limits reveals itself in the monstrous, the ghostly. Sheehan is both the monster under the bed and the frightened child. Her attention to the residual world that clings to buildings, rooms, places, landscapes, is characteristic of the practice of the artist, who has been living in Cologne, Germany for more than 20 years and who has recently created a remarkably complex work. Emanating from human experience’s dependence on the physical-tangible, she works on the social, historical and material structure of our realities in order to feed it into alternative narratives removed from their historical context. Her work within different genres and media such as photography, drawing, sculpture, text, scent, craft, video and performance appears cohesive, for it echoes the diversity of our perception and at the same time refers to the inadequacy of the mediums used to accurately reflect them.

The exhibition focuses on a work-complex which the American artist has been producing over the past six years and now, comes to an end with her latest cinematic work, burlap poem video. Like a clamp, the video fastens the works together: film images are accompanied by lyrical text spoken by the artist herself, a text she wrote at the beginning of this work phase and thus preceded the creation of the video. The text is an evocation of the artist’s initial sensual confrontation with the material, sack cloth and its characteristic roughness, smell when wet, etc., which in turn, permeate the cinematic material. burlap poem video can now be seen and heard for the first time in the Galerie Susanne Neuerburg.

From photography to drawing to three-dimensional works, the exhibition also presents a selection from the burlap series which demonstrate and depict a distinctly tangible sense of history. Through the use of jute, linen, ropes braided from natural fibers, zinc tubs, bones, wood and stone, the artist creates an iconography of matter that refers to the cultural-historical peripheries of everyday life and occupies a terrain beyond historical concepts. At the same time, however, Sheehan’s often archaic choice of materials calls to mind the historical context of the pre-war years and thus the idealization of traditional natural materials under National Socialism. This semantic ambiguity of a nameless, consciously female, orphaned narrative on the one hand, conjured up by Sheehan’s performative, textual and pictorial stagings, and a concrete chapter of German history on the other, creates an eeriness and a sporadically perceptible sense of violence that clings to her works.

The title of the exhibition, A Weighing / Eine Wägung, in the Galerie Susanne Neuerburg can be understood as the origin of an attempt by the artist to link the specific historical location of the exhibition with her own artistic and intellectual process: the gallery rooms are located on the site of the former Hennef Chronos-Werke, a machine factory founded at the end of the 19th century, and the originator of the invention and subsequent industrialized fabrication of the automatic scale. In contrast to meritoriously being called the “cradle of the scales”, the dark chapter of Nazi forced labor in German factories during the Second World War must be seen as a “counterweight”: The Hennef Chronos-Werke also used forced laborers during the Second World War. Heather Sheehan tries to reconcile with the history of the place by using the lexical repertoire of the word to weigh or weighing, in order to “profit” by it: weighing or balancing implies a movement that is characterized mentally or physically by its potential incompleteness. The back and forth of the pendulum, the body when weighing a baby, the thoughts that are twisted and turned from one to another, are themselves inherent in their infinite repetitions, stemming from the notion that the process of weighing is in itself only an approximation of the ideal that must be set in motion, each time, anew.

Heather Sheehan was born in 1961 in Mt. Vernon, New York, USA. She lives and works in Cologne, Germany.

The exhibition is curated by Ewa Knitter and Pathmini Neuner-Ukwattage.